Über den notwendigen Zwang zur Interpretation von Kunstwerken

 Frieder Rusmann 1996 Eröffnungsrede anläßlich der Ausstellung "DAS DEUTSCHE HANDWERK - Kalter Krieg" Galerie Rainer Wehr, Stuttgart 8.4.97 bis 15.8.97
 
 
 

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte zu Ihnen über ein Thema sprechen, daß ich als eines der wenigen Tabuthemen der aktuellen Kunstdiskussion erlebe, ich möchte sprechen: "Über den notwendigen Zwang zur Interpretation von Kunstwerken".

Ich beginne mit drei Thesen:

1. Die Ausstellungsmacher zeitgenössischer Kunst entziehen sich ihrer Interpretationspflicht gegenüber den präsentierten Werken.

2. Es ist heute common sense, daß der "gemeine" Ausstellungsbesucher mit Leerformeln wie "das ist schön", "das ist kraftvoll", "das sagt mir nichts" adäquat und hinreichend auf Kunst reagiert.

3. Die Aussageverweigerung der Ausstellungsmacher bedingt die Aussageunfähigkeit der Kunstrezipienten.
 

Bevor ich mit der Analyse der postulierten Situation beginne, sei noch - sozusagen als  Randbemerkung - darauf hingewiesen, daß der heutige Zustand unverbindlicher (da unreflektierter) Betrachtung von Kunstwerken - ja selbst der Protest bleibt im quasi präverbalen verhaftet - einzigartig ist in der Geschichte der Neuzeit.
Wie Sie wissen, kannten alle anderen Epochen der Neuzeit verbindliche ästhetische Maßstäbe, ich erinnere an die "Zentralperspektive der Renaissance" die "Bewegungshaltung des Barock" und die Einbindung von Dynamik in eine größere Einheit, ich erinnere an das "wissenschaftliche Sehen" des Impressionismus mit seiner ungemischten Palette und farbigen Schatten und und und....
Kurz:
Wenn wir der Erkenntnis zustimmen, daß Kunst auf Vereinbarungen beruht, die jede Epoche je neu festlegt, so müssen wir uns gleichzeitig zum Diskurs über Kunst, über zeitgenössische Kunst, bekennen und diesen Diskurs nicht nur in allgemeinen Theorien (ich möchte fast ergänzen: in unverbindlichen Theorien), nicht in allgemeinen Theorien erschöpfen, sondern auf das konkrete Einzelwerk zurückführen.

Denn, und mein Belegzeuge ist hier Markus Lüpertz: Wenn es nicht fremdinterpretiert wird, ist das Bild nicht existent.

Wie kam es nun zu unserer heutigen Situation der Sprachlosigkeit?
Meines Erachtens ist die Kunstdiskussion einer der wenigen gesellschaftlichen Bereiche, in denen die intellektuelle Tradition der 68er ungeschmälert weiterexistiert. Oder konkret benannt: in der heutigen Kunsttheorie "Adorno-t" es noch ungebrochen.

Wie Sie wissen, erklären Adorno und Horkheimer in ihrer "Dialektik der Aufklärung" die Vernunft selbst zur Repräsentanz der Herrschaft und verneinen somit die Möglichkeit, daß mit dem Vernunftinstrument "Sprache" die herrschaftsfreie Utopie beschreibbar ist.

Kurz: Die Utopie kann nicht gedacht, es kann nur durch die Negation die Vernunft aus ihrer Herrschaftsverstrickung gelöst werden.
Oder anders ausgedrückt: Über die Utopie kann nicht nachgedacht, nicht gesprochen werden, da das Denken selbst korrumpiert ist. Die Utopie hat nur eine Chance durch die radikale Verneinung der bestehenden Verhältnisse.
Interessanterweise verdeutlichen die beiden Autoren diesen Gedanken am Beispiel des jüdischen Bilderverbotes. Ich zitiere: "die jüdische Religion duldet kein Wort, das der Verzweiflung alles Sterblichen Trost gewährte. Hoffnung knüpft sie einzig ans Verbot, das Falsche als Gott anzurufen... Das Unterpfand der Rettung liegt in der Abwendung von allem Glauben, der sich ihr unterschiebt." (DdA, Frankfurt a.M, 1996, S. 24f.)

Auf dieser gedanklichen Grundlage - und ich verkürze wiederum stark - fußt nun Adornos Begriff des Ästhetischen als einer stilisierten Form, in der eine über sich selbst aufgeklärte Aufklärung, d.h. eine Vernunft, die um ihre Korruptheit weiß, dem Begrifflichen und dem Gesellschaftlichen trotzt.

Und - so könnte man ergänzen - der Austellungsmacher trotzt noch heute munter mit, indem er sich ebenfalls dem Sprachlichen, der Interpretation zugunsten der höheren Wahrheit verweigert.

Wie nun aber kann es uns gelingen, die Adorno'sche Sprachlosigkeit abzuschütteln, den aktiven Diskurs in die zeitgenössische Kunstdebatte zurückzuholen, welches intellektuelle Rüstzeug können wir uns aneignen?

Ich möchte vorschlagen, Ideen eines Philosophen, der sich interessanterweise nie intensiv mit ästhetischen Fragen auseinandergesetzt hat, ich möchte vorschlagen, die Grundideen von Karl Popper für die Interpretation von Kunstwerken fruchtbar zu machen.

Grundbegriffe von Poppers Denken sind die Kritik und die Falsifikation.

Er begreift Erkenntnis als Wahrheitssuche, als eine Suche, die jedoch nicht zu Ende kommen kann, da in jeder erklärenden Theorie Irrtum nicht ausgeschlossen ist. Methodisches Instrument der Suche nach Erkenntnis ist deshalb Kritik, die Suche nach Fehlern und deren Eliminierung. Voraussetzung und Bedingung dieses Diskurs ist die Toleranz, ja im Wissen um die Fehlbarkeit jeder Theorie ist Bescheidenheit und Toleranz geradezu konstitutiv. Toleranz ist sozusagen Voraussetzung, um den kritischen Dialog aufrecht zu erhalten.

Was hat das nun mit Kunst zu tun, präziser formuliert mit der Interpretation von Kunstwerken?

Ich erinnere nochmals an Lüpertz apodiktische Aussage "Nur fremdinterpretiert ist das Bild existent". Außerdem hatten wir festgestellt: Kunst ist je neu Vereinbarung, d.h. aktuell gültige Normen müssen "besprochen" werden. Drittens - und ich bemühe hier noch einmal die Kunstgeschichte - auch das scheinbar feste Wissen um historische Kunstäußerungen, wird immer wieder im Spiegel der gegenwärtigen Kunstdiskussion neu bewertet. Ich erinnere Pars pro toto an das plötzliche Interesse an El Greco in Verbindung mit dem Expressionismus und der so gewonnenen neuen ästhetischen Sensibilität.

Popper für die Kunstinterpretation, für den Diskurs fruchtbar zu machen, könnte meines Erachtens bedeuten:

1. Die Austreibung des Adorno'schen Schweiggeistes, indem dem Kult der Negation als Ahndung des Absoluten der Popper'sche Kritikbegriff entgegengestellt würde.

2. Jede Interpretation, die - wie alle Theorie nach Popper - potentiell fehlbar wäre, erhielte so den Charakter der Vorläufigkeit oder positiv formuliert: würde in sich die dynamische Tendenz zum Diskurs, zur Reaktion, Ergänzung oder Widerlegung beinhalten.

3. Kunstinterpretation würde ein Stück bescheidener und demokratischer, da jeder Interpretationsvorschlag seine Fehlbarkeit, seine Widerlegung mitdenken und akzeptieren müßte.
 

Auf der Folie des Letztgesagten möchte ich nun abschließend 5 Thesen formulieren:

1. Der Ausstellungsmacher wird seiner Aufgabe nicht gerecht, indem er zeitgenössische Kunst "nur" präsentiert.

2. Vorzüglich und gerade der Ausstellungs-Macher als Handelnder ist dem Diskurs und der Diskursermöglichung verpflichtet.

3. Diskurs entsteht nur auf der Grundlage von Aussagen.

4. Der Ausstellungsmacher ist zur Erstaussage gegenüber jedem einzelnen ausgestellten Werk verpflichtet, um so dem Ausstellungsbesucher eine These anzubieten, auf die dieser reagieren kann.

5. Dieser so begonnene Diskurs wird nie abschließend beendet, genügt jedoch dem Anspruch, die aktuelle Vereinbarung über Kunst zu transportieren.
 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit

Frieder Rusmann